Archive of Possible Lives
Was geschieht, wenn KI die Narrative unseres Lebens fortschreibt?
Archive of Possible Lives (2026) ist der erste Ankauf der IPAI Foundation, einer Dieter Schwarz Stiftung.
Das künstlerische Forschungsprojekt untersucht die Schnittstelle von künstlicher Intelligenz, Biografie und gesellschaftlicher Vorstellungskraft. Archive of Possible Lives erzeugt biografische Fragmente, die Besucher persönlich ansprechen, obwohl das System keinen Zugang zu ihrer Lebensgeschichte hat. Die Texte sprechen über Kindheit, Beziehungen, Entscheidungen und Zukunft mit einer Vertrautheit, die den Eindruck erwecken kann, die lesende Person zu kennen.
Die Besucher beziehen ihre eigenen Erfahrungen auf diese Aussagen. Sie erkennen vertraute Spannungen wieder, erinnern sich an Situationen und stellen Zusammenhänge her, die das System selbst nicht kennen kann. Ein Text, der ohne persönliches Wissen erzeugt wurde, erhält Bedeutung innerhalb eines individuellen Lebens.
Die Arbeit untersucht diese Begegnung zwischen maschinell erzeugter Sprache und menschlichem Selbstverständnis. Wie kann eine fremde Aussage wie eine Beschreibung unserer selbst wirken? Was verleiht ihr Glaubwürdigkeit – und wie unterscheiden wir Wiedererkennen vom Eindruck, erkannt zu werden?
Mehr über das Archiv
Künstlerische, technologische und philosophische Hintergründe zum Werk
Essay lesen →Ein Leben, sechs Fragmente
Nach der Eingabe des eigenen Namens beginnt die Tour durch sechs Schubladen. Das Archiv ist nicht mit dem Internet verbunden und hat keinen Zugang zur Lebensgeschichte des Besuchers. Der zu Beginn eingegebene Name dient der persönlichen Ansprache.
Jede Schublade liefert ein neues biografisches Fragment, das ein lokales Sprachmodell erzeugt. An den sechs Stationen nähern sich die Texte den Themen Kindheit, Selbstwahrnehmung, Beziehungen, Entscheidungen, ein anderes mögliches Leben und Zukunft.
Schritt für Schritt sammelt der Besucher ein persönliches Dossier. Die Aussagen können intim, stimmig oder überraschend vertraut wirken. Ihre persönliche Bedeutung entsteht, wenn der Besucher sie auf eigene Erinnerungen, Erfahrungen und Erwartungen bezieht.
Die Begegnung eröffnet Raum für Wiedererkennen, Zweifel und Widerspruch. Welche Aussagen scheinen zu passen? Wo stellt der Besucher einen Zusammenhang her, den der Text selbst offenlässt? Was lässt eine erzeugte Behauptung wie persönliches Wissen erscheinen?
Am Ende nehmen die Besucher einen Umschlag in dem sie ihre Ausdrucke mitnehmen können. Der Umschlag enthält eine Karte. Darauf steht: „The truth is within you.“ Der Satz setzt der Erzählung der Maschine keine letzte Gewissheit entgegen. Er öffnet vielmehr eine doppelte Prüfung des Wahrheitsbegriffs. Denn KI kann plausible Zusammenhänge erzeugen und zugleich faktisch irren; sie kann mit großer Bestimmtheit behaupten, was nie geschehen ist. Zugleich richtet die Karte die Frage an die eigene Wahrnehmung zurück: Was an der erzählten Biografie erkenne ich als stimmig, was als Projektion – und was als falsch? Wahrheit erscheint hier weder als bloße Tatsache noch als rein inneres Gefühl. Sie muss im Spannungsfeld zwischen maschineller Behauptung, gelebter Erfahrung und kritischer Selbstprüfung immer wieder neu verhandelt werden.
Was lässt eine erzeugte Aussage persönlich wirken?
Die Erzählmaschine hinter dem Archiv
Die sichtbare Ordnung der Schubladen verbirgt ein vernetztes System aus Sensoren, Thermodruckern und einem lokal und eigenständig laufenden Sprachmodell. Öffnet ein Besucher eine Schublade, registriert das System die Bewegung, setzt die biografische Erzählung fort und druckt das nächste Fragment unmittelbar vor Ort. Die Erzählung entsteht damit innerhalb der materiellen Struktur des Archivs – nicht in einer entfernten Cloud.
Von Wahrheit zu Wahrscheinlichkeit
Die geordneten Schubladen und ihre Nummern erinnern an ein Archiv, in dem Informationen bereits gesammelt, eingeordnet und aufbewahrt wurden. Jede Schublade liefert jedoch einen Text, der erst während der Begegnung mit dem Besucher entsteht. Die Installation gibt neu erzeugter Sprache den Rahmen und die materielle Form eines archivierten Dokuments.
Der Ausdruck macht die Aussage zu einem Dokument, das gehalten, gesammelt und mitgenommen werden kann. Die Fragmente bilden nach und nach ein persönliches Dossier, dessen Bedeutung von der Lektüre des Besuchers abhängt. Die Arbeit setzt die scheinbare Autorität eines geordneten Archivs in Spannung zum ungewissen Verhältnis zwischen seinen Dokumenten und dem Leben der Person, die sie erhält.
Das Sprachmodell läuft lokal auf einem Rechner innerhalb der Installation und ist mit Sensoren, Schubladen und Druckern zu einer eigenständigen Erzählmaschine verbunden. Rechenprozess, räumliche Bewegung und gedrucktes Fragment bilden einen gemeinsamen Vorgang.
Der Künstler legt die räumliche Anordnung, die Themenfelder und den Ablauf der Begegnung fest. Innerhalb dieser Bedingungen bleiben Wiedererkennen, Zweifel und Interpretation des Besuchers offen. Die Installation untersucht, wie erzeugte Sprache ohne persönliches Wissen individuelle Bedeutung gewinnen kann.